veranschaulicht die Arbeitssituation der Studenten an der „neuen“ Kunstakademie Münster konkret und versteht sich als architekturkritische Geste über den Präzidenzfall hinaus.
Nachdem die Kunstakademie Münster als erste und einzige auf die Ansprüche der Kunststudenten zugeschnittene Ausbildungsstätte geschaffen und eingerichtet wurde, entstand ein von den bürokratischen Ordnungskräften geschürtes Klima der Konservierung und Einschüchterung, was als Blockade gegen kunststudentisches Arbeiten und Forschen zu bewerten war und schließlich zu einer „Nichtinbesitznehmbarkeit“ der Akademie durch die eigentliche Zielgruppe der Kunststudenten führte. Maßgebliche Beschneidungen der Studenten und ihrer Möglichkeiten durch eine Überpräsenz zeitgenössischer Architektur gepaart mit etlichen hausordentlichen Verhaltensregeln und Verboten, erschwerten den Studenten eine adäquate Inbesitznahme des europaweit einzigen extra für Kunststudenten konzipierten Bauwerks. Beispielsweise durften keine Nägel in die Wände geschlagen werden und installierte Galiereschienensysteme sollten für Ausstellungen benutzt werden. Speziell die für Examenspräsentationen konzipierten Ausstellungsräume A1 und A2 sind durch die Ausstattungselemente der Lichtanlage, sichtbarer Stromleitungen und Lärm umfassend gestört. Eine bis zur Präsentation von „Signing Academy“ hinter vorgehaltener Hand geführte Diskussion unter Studenten und Professoren wurde öffentlich. Vor dem Hintergrund des Studiums der „Unfreien Kunst“ entstand die exemplarische Arbeit „Signing Academy“, die als kunstkommunikativ-architekturkritisches statement zu „Academic Square“ führte.
PROTOKOLL
Mo., 01. Nov. 2004 (Allerheiligen):
Aufbau der Ausstellung im Examensraum 1 der Kunstakademie Münster.
Di., 02. Nov. 2004, 12.00 Uhr: Examensprüfung „En passant“. Prüfer sind Prof. Gunther Keusen, Prof. Michael van Ofen, Prof. Raimund Stecker. Ergebnis: erfolgreich bestanden.
19.30 Uhr: Eröffnung der Examensausstellung „En passant“ von Frank Bölter im Ausstellungsraum 1 der Kunstakademie Münster, Leonardo-Campus 2, 48148 Münster
Mi., 03. Nov. 2004, 14.35 Uhr: D. Burgholz (Leiter Ausstellungsbüro der Kunstakademie) ruft an. Er sei soeben im Ausstellungsraum gewesen, ich solle mich beim Kanzler der Akademie, Herrn Frank Bartsch, melden, damit dieser „nichts macht“, denn der sei stinksauer. (Herr Burgholz bemerkt des Weiteren, dass er zu dieser Sache nichts sagen müsse.)
14.38 Uhr: telefonische Anmeldung bei Herrn Bartsch, Verabredung für 15.30 Uhr.
15.45 Uhr: Herr Bartsch eröffnet das Gespräch mit der Frage: „Was haben Sie sich dabei gedacht?“ Ich verweise auf den Anspruch des Künstlers, Kunst zu schaffen. Der Frage, inwiefern diese Aktion etwas mit dem Haus zu tun habe, begegne ich mit der Absicht einer künstlerischen „Erfrischung der Akademie“.
Herr Bartsch fragt, warum ich vorher keine Erlaubnis eingeholt hätte, es gäbe doch andere Möglichkeiten und gibt zu Bedenken, dass mit dieser „Erfrischung“ eine Sachbeschädigung einhergeht, auf die eine Freiheitsstrafe von bis zu 3 Jahren steht, abgesehen von den Reparaturkosten, die sich auf eine Summe zwischen 6.000 und 8.000,-- Euro belaufen dürften, da im vorliegenden Falle der gesamte Estrich neu gegossen werden müsse. Auf
meinen Einwand, dass es sich um Kunst und wir uns in der Kunstakademie befi nden, entgegnete Herr Bartsch, dass Kunst bei Sachbeschädigung aufhöre und ich doch auch einmal an meine Karriere denken müsse. Meinem Vorschlag, den Schaden selbst zu beheben, erwidert Herr Bartsch, dass bei einem solchen Schaden der Eigentümer des Gebäudes, der Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW (BLB), über das weitere Verfahren zu entscheiden habe. Er beendet das Gespräch mit dem Hinweis, ich solle mir schon einmal einen guten Anwalt suchen.
Do., 04. November 2004, 11.45 Uhr, Rektorat: Rektor Prof. Scheel fragt, was ich mir bei dieser Sache gedacht habe. Ich argumentiere mit „Infragestellung“ des Kunstbetriebs und „Pointierung“ von Kunstakademie als Produktionsstätte von „ Namenskunst“. Herr Scheel stellt fest, dass das
Signieren der Kunstakademie eine Aktion mit leicht destruktivem Charakter sei. Dies stelle insofern ein Problem dar, da der Architekt des Gebäudes ein Recht darauf habe, das sein Gebäude unverändert bleiben müsse. „Als Leiter dieser Akademie darf ich über diese Aktion nicht schmunzeln“ (schmunzelt leicht).
14.45 Uhr: Gespräch mit Herrn Sandmann (Leiter der Metallwerkstatt) und Herrn Waltermann (Haustechnik). Herr Waltermann erklärt, es sei noch eine Dose Restestrich auf Lager und Herr Sandmann ergänzt, man könne vorläufi g farbige Gipsmasse in die entstandenen Fugen schmieren, um den Schaden so unauffällig wie möglich zu machen. So könnten die Nachfolgenden Kommilithonen ihre Examensausstellung halten. Allerdings habe Herr Waltermann noch keine Anweisung „von Oben“ erhalten. Die sei notwendig, bevor irgendetwas geschehen kann.
Fr., 05. Nov. 2004, 11.10 Uhr: Anruf bei Herrn Bartsch. Er rät mir „dringend“ davon ab, den verursachten Schaden selbst zu beheben. Das sei Sache einer Fachfi rma. Er habe in Kürze einen Termin mit dem BLB, da würde über das weitere Prozedere entschieden. Er würde mich darüber informieren.
Mi., 10. Nov. 2004, 13.10 Uhr, Foyer der Kunstakademie: Begegnung mit Herrn Bartsch. Er erklärt, dass noch heute jemand vom Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW erscheint, um sich den Schaden anzusehen. Eine Fachfi rma würde dann den Schaden beheben. Er würde versuchen, die Kosten so gering, wie möglich zu halten.
Di., 16. Nov. 2004, 14.00 Uhr, Kolloquium in der Klasse D. Buetti: Herr Buetti verkündet, dass in der Senatssitzung der Kunstakademie der Beschluss gefasst wurde, von einer strafrechtlichen Verfolgung abzusehen, allerdings müsse Schadenersatz geleistet werden.
Mi., 17. Nov. 2004, 11.10 Uhr: Anruf bei Herrn Bartsch: Ich erkundige mich, wann mit der Reparatur zu rechnen sei, damit nicht noch weitere Kommilithonen durch die Signatur in Mitleidenschaft gezogen werden. Herr Bartsch erklärt, dass die Reparatur sehr schnell, innerhalb der nächsten 2-3 Tage geschehen solle.
Sa., 20. Nov. 2004, Zustellung eines offi ziellen Schreibens der Kunstakademie, mit Kommentar des Direktoriums und Hinweis auf die Verantwortlichkeit des Künstlers für die Kunst und die in diesem Fall damit verbundenen fi nanziellen Konsequenzen (s. Kopie)
Do., 02. Dez. 2004, 15.40 Uhr: Telefonat mit Frau Nicola Dicke. Sie berichtet, im Telefonat mit Herrn Bartsch habe dieser bei der Beschwerde auf das Nichtbeheben des Schadens auf mich verwiesen. Er habe nach wiederholter Anfrage von Frau Dicke, die Installation einer lackierten Metallplatte vorgeschlagen. Diese soll bis zur vollständigen Reparatur den Schaden verdecken. Frau Dicke leitet den Auftrag an mich weiter, incl. Herrn Sandmann über das Vorgehen zu informieren.
15.45 Uhr: Anruf bei Herrn Sandmann. Ich gebe den Auftrag von Herrn Bartsch weiter. Dieser erwidert, dass es doch viel unproblematischer sei, mit Gips oder Estrichmasse die Signatur bis zur Reparatur zu behandeln. Er will sich seinerseits mit Herrn Bartsch in Verbindung setzen.
Mo., 6. Dez. 2004, 12.46 Uhr: da Herr Sandmann bis Fr., den 3. Dez. nicht zu erreichen war, erkundige ich mich bei Frau Widey (Sekretariat des Kanzlers). Herr Bartsch sei erst am kommenden Do. wieder im Haus.
Do., 9. Dez. 2004, 10.42 Uhr: Telefonat mit Herrn Bartsch. Er erklärt, dass eine Lösung mit einer Metallplatte wegen Verletzungsgefahr aus zu schließen ist. Lediglich eine Verkleidung mit Papier, Pappe oder Folie sei angemessen. Eine endgültige Schadensbehebung könne erst zwischen Weihnachten und Neujahr erfolgen, da die Reparatur durch Trocknungszeiten verzögert werde und sich daher über mehrere Tage hinziehe.
16.45 Uhr: Anruf bei Frau Dicke. Ich erkläre, die notwendigen Pappen zu besorgen, damit Sie zu Ihrer Examensausstellung im Examensraum installiert werden können.
Fr., 10. Dez. 2004, 16.25 Uhr: Einkauf von 4 Graupappen, 108 x 150 cm.
So., 12. Dez. 2004: Aufbau der Examensausstellung von Nicola Dicke und Installation der Graupappen auf dem Fußboden über der Signatur. Die Graupappen heben sich jedoch zu sehr vom Estrichgrau des Bodens ab. Nicola Dicke beschließt die Gravur besser mit Grafi t abzudunkeln, damit sich die Schrift noch weniger von der Estrichfarbe abhebt.
Di., 14. Dez. 2004, 12.00 Uhr: Examensprüfung Nicola Dicke
19.30 Uhr Ausstellungseröffnung
27. 29. Dez. 2004: Reparaturarbeiten. Aufstemmen eines rechteckigen Teils des Estrichbodens, Ausgießen in mehreren Stufen und Trocknung der neuen Estrichmasse (s. Abb.) Zwischen dem 9. November und dem 14. Dezember haben 6 Kommilithonen im Ausstellungsraum ihre Examensprüfungen abgelegt.
12. Januar 2005: Postzustellung der Rechnung der Reparaturkosten der Firma Wiegrink Fußbodenbau GmbH über 1.087,70 € von der Kunstakademie Münster (Herr Schweigmann).
18. Jan. 2005, 16 Uhr, Kolloquium der Klasse D. Buetti: Auf meinen Bericht über den Erhalt der Rechnung und den Hinweis, dass notwendige Geld nicht zu besitzen, macht Barbara Schmidt den Vorschlag, die Rechnungssumme vorerst vom Klassenetat der Klasse Buetti zu begleichen. Bei einer Enthaltung wird der Vorschlag von B. Schmidt angenommen. Ich habe darüber hinaus die Rückzahlung meiner daraus resultierenden Schulden gegenüber der Klasse Buetti per Monatsraten in Höhe von 10 x 108,77 € per zu begleichen.
19. Jan. 2005, 11.20 Uhr: Ich übergebe die Rechnung an Herrn Prof. D. Buetti, der Sie am Nachmittag Herrn Schweigmann (Rechnungsstelle der Kunstakademie) zurückgibt.
23. April 2005, 14.20 Uhr: Ich schreibe eine Mail an Herrn Schweigmann mit der Absichtserklärung die Rechnungssumme nun zu begleichen, das notwendige Geld sei nun vorhanden. 15.50 Uhr: Überweisung der Rechungssumme von 1.087,70 auf das Konto-Nr. 60027 der Universitätskasse Münster bei der WestLB Münster, Kennzeichen m/Bölter
24. April 2005, 11.30 Uhr: Erhalt einer Antwortmail. Herr Schweigmann ist erfreut über die so baldige Erledigung dieser Sache. Eine soeben vorgenommene Klassenetatkürzung verspricht er zurück zu nehmen, sobald das Geld eingegangen sei.
02. Mai 2005, 13.30 Uhr: Tutor Clemens Goldbach erklärt, in der Senatssitzung sei sich positiv über das solidarische Vorgehen der Klasse Buetti geurteilt worden. Prof. D. Buetti seinerseits begrüßt das schnelle Begleichen der Rechnung.


